Berlin – Janiszowice/Polen – Berlin
km 2265

Heftiger Regen steigt von der Fahrbahn wieder hoch, bis zur Windschutzscheibe, als wir Richtung Polen aus Berlin herausfahren. Brechen auf ohne ein konkretes Ziel, oder mit konkretem Ziel, ein Erdbeerfeld zu finden, aber ohne Adresse zum einspeisen in das Navi. Dessen Realität endet sowieso an der ehemaligen Grenze. Unsere analoge Karte trägt uns von da noch ein paar Kilometer weiter.
Die Landschaft bleibt gleichgültig gleich, den fiktiven Grenzen strotzend. Aber sobald wir auf unserer Autobahn das erste Dorf passieren, schleicht sich ein Gefühl ein, das den Tag bestimmen wird. Wir sind hier auf dem Holodeck, unser Automobil ist der Ausgang. Das ist weniger ein räumlicher Sprung, mehr ein zeitlicher. Die Häuser haben noch Zeichen von Bewohntsein, die Pferde noch Geschirr für Feldarbeit um. Der Ort und unser Auftrag heute sind so greifbar und konkret, weit von der üblichen Autobahnabstraktheit, richtige Ferienstimmung kommt auf.
Das Land atmet Großzügigkeit, Felder brauchen Hügel und Hügel auf, Wald geht hoch und zieht sich. Wir biegen von der ersten Autobahn, verstehen dann erst, dass Grün für die Karte Wald bedeutet, Feld ist grau. Dennoch fragen wir in einem winzigen Walddorf nach Erdbeeren, mit Zeichnung, dem polnischen Wort für – wie wir einige weitere Nachfragen weiter merken – Walderdbeeren, sammeln auf unserer Odyssee dann auch noch das richtige Wort für Erdbeere auf, die Verkäuferin des winzigen Dorfladens mit obligatorischer Wursttheke reagiert auf unser Gemisch aus Deutsch-Englisch-Russisch mit nachdenklicher Freundlichkeit, fragt bei einer Kundin nach, aber nein, in dieser Gegend gibt es keine Erdbeeren.
Beschließen, eine Stadt anzupeilen, um dort herumzufragen. Warten im Auto das Ende eines erneuten Schauers ab und gucken uns durch die Scheibenwischer unser erstes Opfer in der Straße mit kleinen bunt beschilderten Friseursalons und Läden für Computer, Unterwäsche, Süßigkeiten, Alkohol und Techik aus. Entscheiden uns für einen Kodak-Foto-Laden. Und sind völlig geplättet von der Freundschaftlichkeit, mit der die junge Dame unser russisches Gestammel überdenkt und dann in aller Ruhe mit vielen Erklärungen beantwortet.
Wir bleiben also in der Gegend. Kurz hinter der Stadt und hinter der Oder beginnen die Felder. Finden auf Anhieb keine Erdbeeren und sprechen auf einem Feldweg mit einem ganz alten Mann, dem ein flacher Dackel – wie sie hier oft die Dorfstraßen zieren – hinterherläuft. Der Mann weiß sogleich wovon wir sprechen, seine Wegbeschreibung ist noch präziser und schließt mit einem Lächeln und guten Wünschen ab.
Fahren Richtung Süden, sprechen kurz mit einem Mann, der in seinem Garten Holz zersägt, weiter durch die Felder, an einer Stelle ist das Feld gepflügt, wir vermuten, ob sein Hinweis, dass dort aber keine Erdbeeren mehr seien, nur Feld, nicht diesem trockenen Stück Erde gegolten hat. Angler am Wasser, erneut eine Autobahn, bemerken beim Drauffahren ein Schild, das im Augenwinkel auf Erdbeeren hinweist. Fragen beim Wenden dennoch im Hof einen sehr braungebrannten Vater, der mit seinem Sohn gerade ein Mofa repariert, der schickt uns auch tatsächlich einen Kilometer zurück. Biegen ab, fragen im ersten Dorf eine Frau am Wegrand, weiter, zwei Dörfer weiter eine ältere Frau im Haushaltsmantel, weiter weiter, noch fünfsechs Kilometer auf Asphaltstraße, dann abbiegen, verstehen jetzt erst, dass „Janiszowice“ ein Dorf ist. Dort leiten uns die Schilder zum Gelände der Poland Plants. Der Fotoapparat an der Einfahrt ist durchgestrichen, aber der erste Arbeiter holt seinen Kollegen, der spricht fließend Russisch, erklärt uns genau, wo wir das Erdbeerfeld finden, wir sollen nur nicht zu viel Aufhebens machen.
Erleichtert und überglücklich machen wir zwischen Spargel- und Himbeerfeldern ein etwas älteres Erdbeerfeld aus. In diesem Augenblick wird klar, der Akku unseres Fotoapparates ist leer. Kurze Panik, dann fahren wir ins nächste Dorf, treten in den Dorfladen ein, werden gleich von einem jungen Kunden mit Handschlag begrüßt, die Verkäuferin erklärt sich sofort und unkompliziert bereit, unseren Akku aufzuladen, stöpselt sogar ihr Radio dafür aus. Wir signalisieren Euro, sie winkt ab, holt dann den jungen Mann wieder, der uns gleich fünf Euro wechselt und wir genießen ein Vanilleneis in der Waffel, bis sich der Akku etwas erholt hat, bestaunen das Storchennest auf einem hohen Pfahl mitten im Dorf und werden ebenso ungläubig von der hiesigen Kinderschar bestaunt.
Zurück beim Feld dauert es keine zwei Minuten, dass ein weißer Transporter bei uns abbiegt und ein Frau uns verständnisvoll, aber unnachgiebig vom Feld jagt. Die Erdbeeren sind im Kasten.
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