Zirkelschluss

Juli 14, 2008

Stuttgart – Berlin

km 4521

Zum letzten Mal stehen wir vor dem unscheinbaren Bürogebäude des ehemaligen Joghurtherstellers. Unsere Rundreise Erdbeerjoghurt 150g ist hier endgültig zu Ende, vor uns nur noch die Rückfahrt nach Hause, nach Berlin. Wir fallen uns zu den Hupenklängen einer türkischen Hochzeit in die Arme. Beim Rausfahren aus Stuttgart sehen wir dann das Angebot: Western-Hochzeit, und ich stelle mir die Kombination vor.

Wie eine zusammengedrückte Ziehharmonika haben sich die Kilometer über die letzten Tage nach hinten hin zu einem Rollkragen angesammelt, müssen jetzt heruntergebrannt werden. Keine Zeit also, nicht für das Konrad-Zuse-Museum, auch nicht für das ehemalige Grenze-Museum. Viele Fliegen umarmen unsere Windschutzscheibe als letzte Ruhestätte.

Dann machen wir doch Pause, auch um zu feiern, in Bonny’s Diner. Die Tausende von Kilometern fühlten sich eh nach einem weitläufigeren Terrain an, als die Bundesrepublik. Gefühlsmäßig passt also dieser Diner-Verschnitt perfekt zur Abschlussparty mit einem ordentlichen – ich darf es kaum aussprechen – Trucker-Schnitzel.

Der Tag fasst nochmal alles in eins. Morgens hieß es, das Wetter würde heute aus dem Regen nicht mehr herauskommen, aber schon bei Stuttgart klart es auf und bleibt fast durchgehend trocken, mit grauen Feldern und später wulstigen Wolkenformationen, und noch später fast ganz blau, bloß nicht mehr blau, sondern rosa. Dazwischen mehrere Staus, sonntagsbedingt wenige Laster, viele Wohnwagen, viele Biker. Hügel, Weizenfelder am Leuchten, Windräder. Noch etwas später schleicht sich der Mond zwischen die Windräder.

Nebelbänke ziehen auf und penetrieren von beiden Seiten her die Fahrbahn. Der Nebel hat eine gespenstische Note, aber gleichzeitig holt er die Autobahn aus ihrer Paralleldimension in die Landschaft zurück, Rückintegration in die Wirklichkeit.

Bei der Berliner ebay-Zentrale fliegt ein Graureiher über uns hinweg. Die Rundreise hat ein Ende.

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Letzte Station

Juli 13, 2008

Ottobeuren – Leutkirch im Allgäu – Stuttgart

km 3773

Das Allgäu hatte ich mir hügeliger und verwunschener vorgestellt. Dabei regnet es in Strömen, was zusammen mit dem Grün der Auen schon sehr zur Zauber-Atmosphäre der Landschaft beiträgt. Die Fahrbahn verschwindet im Nebel der voranfahrenden Reifen. Das Bauernhofmuseum beinahe auch.

Vor dem Milchwerk weht auch eine japanische Fahne. Und in einen von Tokyo Milk Irgendwas gespendeten Stein gemeißelt lesen wir: Möge die Firma genau so wachsen, wie dieser Baum. Hinter dem Stein eine mittelgroße Linde. Ansonsten auch hier einfach ein verregneter Sonntagmorgen.

Einige Kilometer weiter finden wir die dazugehörigen Kühe auf der Weide. Damit ist ganz leise und unmerklich die letzte Station unserer Rundreise erreicht.

Das Wetter und die vor uns liegende Rückfahrt laden nicht zum Verweilen. So bringen wir die Milch-Route in Stuttgart zu einem Abschluss.

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So spät durch Nacht und Wind

Juli 12, 2008

Stuttgart – Ottobeuren

km 3547

Tatsächlich: wir schlafen nicht in der gleichen Herberge, wir schlafen überhaupt nicht in Stuttgart. Leichtsinnigkeit hat mich unsere Milchstrecke entschieden unterschätzen lassen, erst vor Ort erkennen wir, dass die 170 km plus Rückfahrt nicht auch noch in diesen gut angenagten Tag passen.

Wir lassen also den süßlichen Geruch von Popkorn, der dank des Ufa-Palastes auch heute wieder über dem Joghurt-Gelände hängt, hinter uns, starten überstürzt los – und einige Kilometer lang ungewollt einem mysteriösen Erlkönig hinterher -, versuchen Kilometer Richtung Süden gut zu machen und gleichzeitig nach einer neuen Bleibe zu suchen. Müssen letztendlich in Niebüll anrufen, um in Ottobeuren in Bayern einen Schlafplatz zu finden.

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Best of

Juli 12, 2008

Aachen – Stuttgart

km 3376

Unsere Werksbesichtigungen scheinen notorisch sonnabendlich zu sein. Und auch die Doppelung schreibt sich als Prinzip fort. Um uns in die Ausgangsposition zu bringen, fahren wir zum Werk, in dem die Erdbeeren aus Polen in die Fruchtzubereitung verarbeitet werden, die dann in den Joghurt kommt. Allerdings ist die Adresse in diesem Fall zu neu, wir treffen erst auf das vor ca. 10 Jahren neu erbaute Werk 2. Nach einigen Fotos erklärt uns ein freundlich-ausgeschlafener, zu junger Pförtner anhand einer in fröhlichen Tintenstrahlfarben ausgedruckten Karte mit Eddingmarkierungen den Weg zum weitaus älteren Hauptwerk. Den Farbausdruck dürfen wir behalten.

Das Werk 1 hat dann auch viel Ziegelähnlichkeit mit dem Michgelände in Stuttgart, dass dann doch keins war. Allerdings erwischt man von der Straße keinen allzu expliziten Blick auf die Fabrikgebäude, eher erneut Himmel+Ziegel+Industriecharme-Romantik für den schnellen Auslöser. Die beiden Werke hält lediglich die Entschlossenheit zum Grün zusammen.

Von hier aus ziehen wir los in unseren Monkey Wedding-Tag, die Erdbeeren wollen zum Joghurt.

Die Strecke scheint mit Hang zum repetitiven Best-of. Klimaschützer, Baustellen, Regen, Stau, Sonne. Alleiniges neues Feature sind die Unmengen von Wohnwagen, in den Niederlanden und Belgien scheinen die Ferien ausgebrochen. Ein Vulkanpark, das Loreley-Tal und dann halten wir am Aussichtspunkt Moseltal, eigentlich für eine Pinkelpause mit emotionalem Ausgleich, dann auch, um etwas gaffend eine Brücke auf riesigen Stelzen zu betrachten, die Weinberge-mit-Fluß-Natur tritt eindeutig dahinter zurück. Als wir die Brücke dann überqueren, scheinen sich die Hänge um uns so verformt zu haben, dass wir wieder völlig das Gefühl verlieren, gerade einen halben Kilometer Luft nach unten zum Fluß hin zu haben. Die Autobahn ziert ein halbdurchsichtiger niedriger Sichtschutz, die Landschaft spielt mit, und mit der Perspektive, unser Sicherheitsgefühl präzise beruhigend.

Für die Mittagspause fahren wir raus auf einen Autohof, der überraschend wenig mit Erotik wirbt. Beim Picknick auf dem schmalen Streifen Grün neben dem Restaurant sehen wir eine ganze Schar von älteren Damen mit verschiedenen Kuchenformen und Tortenbehältern das Gebäude betreten. Im ersten Augenblick denke ich, die Damen verdienen sich ein kleines Zubrot, in dem sie das Haus mit frischen Kuchen beliefern. Dann kommt der nächste Stoß und sie erscheinen mir doch zu gepflegt hellgrün und rosa, um auf so einen Verdienst angewiesen zu sein. Nach weiteren Pulken älterer Herrschaften hören wir, wie sie sich nach der Goldenen Hochzeitsfeier erkundigen. Wir tanken und fahren wieder auf die Autobahn.

Best-of hin oder her, aber es ist ein mulmiges Gefühl, sich selbst dabei zu ertappen, die gleichen Bilder schießen zu wollen wie vor einigen Tagen – noch schlimmer, die gleichen Motive nach den gleichen Überlegungen zu verwerfen – vorbei an den gleichen Werbetafeln, Brücken, Hinweisschildern. Sogar die Sonne steht fast im gleichen Winkel. Die Wiederholung drückt dieser Fahrt etwas unheimliches auf. Immerhin übernachten wir nicht in der gleichen Jugendherberge.

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Stau

Juli 11, 2008

Braunschweig – Aachen


km 2940

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Endlich passiert was: wir stehen im Stau. Erst lagen mir noch so clevere Fetzen auf der Zunge, über den Stau auf der Gegenfahrbahn: dass die da alle geparkt hätten, und ins Feld gerannt sind, um einen Meteoriteneinschlag zu bewundern. Jetzt sitzen wir selbst mittendrin. Stau betrachten ist irgenwie schöner. Hier fühl ich mich an meine Fahrprüfung erinnert, „Lass die Kupplung kommen“, dabei fahren wir Automatik.

Wenigstens rast die Landschaft nicht so an einem vorbei, die Blümchen am Wegrand – das macht was mit uns. Sofort breitet sich Menschlichkeit aus, wie sieht der Nachbar aus und so Banalitäten. Auch die Bedürfnisse melden sich gleich zur Wort, als würde mitten im All die Kryostase-Technik ausfallen und die Leute wachen auf, draußen alles schwarz und man selbst muss mal. Der Eingefroren-Meditationsspirit der klaren strengen Kurven geht einfach flöten.

Aber nicht lange, gerade rast alles wieder. Und dennoch, auf dem Standstreifen kommen uns zwei blonde Schönheiten entgegen. Das muss gar nicht in die Realität eingepasst werden. Elfen müssen auch mal raus und spazieren gehen, macht Lust auf mehr.

Die ganze Strecke ist ein einziger Klimaschutz, zu den Seiten und vor uns als Silhouette am Ende der Fahrbahn, im Tal. Alles dicht und wird noch mehr, die Strecke ist auch eine einzige Baustelle.

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Jump-and-Run

Juli 10, 2008

Berlin – Braunschweig

km 2505

Heute ist also eher wieder die Gewohnheit als die Schärfe am Zug. Die Müdigkeit bleibt als leicht reizbarer Nachgeschmack zurück und stapelt sich.

Der Tag ist grau. Die Autobahn, die Brötchen usw., auch der Regen hat sich für die seichte Variante entschieden.

Es geht sogar so weit, dass wir uns darüber unterhalten, dass die Autobahn ein verräumlichtes und um 90° und 90° gedrehtes Jump-and-Run-Spiel ist, die rechte Spur der Boden, die Lkws darauf unsere Hindernisse und wir springen in die Luft=zweite Spur und müssen gleichzeitig sehen, dass wir den fliegenden Feinden=Raser auf der linken Spur nicht in die Quere kommen.

Die Nummernschild-Kreationen und Spitzenmodelle um uns herum spielen auch First Life-Quartett, aber heute ist Grau Programm: all die Karosserie-Sonderfarben mischen sich im Ausguss der regennassen Fahrbahn vor uns zu allgegenwärtigem Alltagsgrau.

Und wir machen unseren Zwischenhalt: Immer eine gute Idee.

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Holodeck

Juli 9, 2008

Berlin – Janiszowice/Polen – Berlin

km 2265

Heftiger Regen steigt von der Fahrbahn wieder hoch, bis zur Windschutzscheibe, als wir Richtung Polen aus Berlin herausfahren. Brechen auf ohne ein konkretes Ziel, oder mit konkretem Ziel, ein Erdbeerfeld zu finden, aber ohne Adresse zum einspeisen in das Navi. Dessen Realität endet sowieso an der ehemaligen Grenze. Unsere analoge Karte trägt uns von da noch ein paar Kilometer weiter.

Die Landschaft bleibt gleichgültig gleich, den fiktiven Grenzen strotzend. Aber sobald wir auf unserer Autobahn das erste Dorf passieren, schleicht sich ein Gefühl ein, das den Tag bestimmen wird. Wir sind hier auf dem Holodeck, unser Automobil ist der Ausgang. Das ist weniger ein räumlicher Sprung, mehr ein zeitlicher. Die Häuser haben noch Zeichen von Bewohntsein, die Pferde noch Geschirr für Feldarbeit um. Der Ort und unser Auftrag heute sind so greifbar und konkret, weit von der üblichen Autobahnabstraktheit, richtige Ferienstimmung kommt auf.

Das Land atmet Großzügigkeit, Felder brauchen Hügel und Hügel auf, Wald geht hoch und zieht sich. Wir biegen von der ersten Autobahn, verstehen dann erst, dass Grün für die Karte Wald bedeutet, Feld ist grau. Dennoch fragen wir in einem winzigen Walddorf nach Erdbeeren, mit Zeichnung, dem polnischen Wort für – wie wir einige weitere Nachfragen weiter merken – Walderdbeeren, sammeln auf unserer Odyssee dann auch noch das richtige Wort für Erdbeere auf, die Verkäuferin des winzigen Dorfladens mit obligatorischer Wursttheke reagiert auf unser Gemisch aus Deutsch-Englisch-Russisch mit nachdenklicher Freundlichkeit, fragt bei einer Kundin nach, aber nein, in dieser Gegend gibt es keine Erdbeeren.

Beschließen, eine Stadt anzupeilen, um dort herumzufragen. Warten im Auto das Ende eines erneuten Schauers ab und gucken uns durch die Scheibenwischer unser erstes Opfer in der Straße mit kleinen bunt beschilderten Friseursalons und Läden für Computer, Unterwäsche, Süßigkeiten, Alkohol und Techik aus. Entscheiden uns für einen Kodak-Foto-Laden. Und sind völlig geplättet von der Freundschaftlichkeit, mit der die junge Dame unser russisches Gestammel überdenkt und dann in aller Ruhe mit vielen Erklärungen beantwortet.

Wir bleiben also in der Gegend. Kurz hinter der Stadt und hinter der Oder beginnen die Felder. Finden auf Anhieb keine Erdbeeren und sprechen auf einem Feldweg mit einem ganz alten Mann, dem ein flacher Dackel – wie sie hier oft die Dorfstraßen zieren – hinterherläuft. Der Mann weiß sogleich wovon wir sprechen, seine Wegbeschreibung ist noch präziser und schließt mit einem Lächeln und guten Wünschen ab.

Fahren Richtung Süden, sprechen kurz mit einem Mann, der in seinem Garten Holz zersägt, weiter durch die Felder, an einer Stelle ist das Feld gepflügt, wir vermuten, ob sein Hinweis, dass dort aber keine Erdbeeren mehr seien, nur Feld, nicht diesem trockenen Stück Erde gegolten hat. Angler am Wasser, erneut eine Autobahn, bemerken beim Drauffahren ein Schild, das im Augenwinkel auf Erdbeeren hinweist. Fragen beim Wenden dennoch im Hof einen sehr braungebrannten Vater, der mit seinem Sohn gerade ein Mofa repariert, der schickt uns auch tatsächlich einen Kilometer zurück. Biegen ab, fragen im ersten Dorf eine Frau am Wegrand, weiter, zwei Dörfer weiter eine ältere Frau im Haushaltsmantel, weiter weiter, noch fünfsechs Kilometer auf Asphaltstraße, dann abbiegen, verstehen jetzt erst, dass „Janiszowice“ ein Dorf ist. Dort leiten uns die Schilder zum Gelände der Poland Plants. Der Fotoapparat an der Einfahrt ist durchgestrichen, aber der erste Arbeiter holt seinen Kollegen, der spricht fließend Russisch, erklärt uns genau, wo wir das Erdbeerfeld finden, wir sollen nur nicht zu viel Aufhebens machen.

Erleichtert und überglücklich machen wir zwischen Spargel- und Himbeerfeldern ein etwas älteres Erdbeerfeld aus. In diesem Augenblick wird klar, der Akku unseres Fotoapparates ist leer. Kurze Panik, dann fahren wir ins nächste Dorf, treten in den Dorfladen ein, werden gleich von einem jungen Kunden mit Handschlag begrüßt, die Verkäuferin erklärt sich sofort und unkompliziert bereit, unseren Akku aufzuladen, stöpselt sogar ihr Radio dafür aus. Wir signalisieren Euro, sie winkt ab, holt dann den jungen Mann wieder, der uns gleich fünf Euro wechselt und wir genießen ein Vanilleneis in der Waffel, bis sich der Akku etwas erholt hat, bestaunen das Storchennest auf einem hohen Pfahl mitten im Dorf und werden ebenso ungläubig von der hiesigen Kinderschar bestaunt.

Zurück beim Feld dauert es keine zwei Minuten, dass ein weißer Transporter bei uns abbiegt und ein Frau uns verständnisvoll, aber unnachgiebig vom Feld jagt. Die Erdbeeren sind im Kasten.

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Nordwärts

Juli 6, 2008

Stuttgart – Berlin

km 1862

Wieder nordwärts. Wieder sonnig. Mit leichten Hinktendenzen im Zeitplan – fahren, verfahren, neu ansetzen. Die Strecke wird zu einem Kopf an Kopf-Rennen mit Gewittern aus dem Süden. Sonnig fahren wir hinein in die Wolkenfront, fliehen hinaus, machen zu lange Halt auf dem Rastplatz und es fängt schon wieder an zu regnen.

Durch die ständige Mobilität gewinnen wir eine völlige Gleichgültigkeit für örtlich bezogene Phänomene wie Wetter. Oder Veranstaltungen. Wie den Iron Man. In welcher Stadt und an welchem Wochenende, das muss man wissen, wenn man will, dass die Geschäfte einen verkaufsoffenen Sonntag veranstalten. Gleichgültigkeit im Raum weitet sich auch auf unser Zeitempfinden aus, haben keine Ahnung, welcher Wochentag. Eternal Presence. Nur die Kilometer sind bei jedem Aufbruch überpräsent.

Die und das Versprechen der nächsten Ausfahrt: Fränkisches Wunderland. Autobahnkirche 2000 m. Autobahnkirche 1500 m.

Auch leicht anstrengend, alle Entscheidungen grundsätzlich überstürzt bei 140 km/h zu treffen. Aber man wird auch entlohnt: Willkommen im Land der Frühaufsteher!

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Auf Zucker

Juli 5, 2008

Stuttgart – Offenau – Stuttgart

km 1173

Der Zucker kommt von den Feldern rund um Offenau, nördlich von Stuttgart. Offenau selbst bekommen wir gar nicht zu Gesicht, die Zuckerfabrik liegt außerhalb, die Zuckerrübenfelder auch.

Angenehm-sommerlich-scheinend alles, die Fabrik mit all ihrem Silber herausgeputzt fürs Wochenende. Nach einem Picknick neben einem Maisfeld brechen wir auf zu den Rübenfeldern in der Umgebung. Eine Mondsiedlung für die Fabrikmitarbeiter und winzige Einstraßen-Ortschaften verlieren sich zwischen Mais-, Weizen-, und Rübenfeldern. Alles an diesem Nachmittag vibriert feiertäglich, auch die Rüben zu entdecken, bedeutet für uns ein Hochgefühl. Neben dem Feld finden wir ein Schild mit dem Hinweis: Bitte stuhlen Sie nicht auf unseren Frühstückstisch.

Auf dem Rückweg fahren wir wieder an der Fabrik vorbei und staunen über unzählige Stare, die in ganzen Scharen den Himmel tieferlegen. Trotz des Gefühls von Sicherheit in unserem treuen Mobil muss ich an die The Birds-Barbie denken.

Mit gehobener Stimmung machen wir uns auf den Rück-, für den Zucker den eigentlichen Weg nach Stuttgart. Stellen unterwegs fest, dass unsere Vermieterin für diese Nacht leider schon aufgebrochen ist zu einem Geburtstag und wir gerade ohne Bleibe sind. Können es ihr aber nicht richtig verübeln, dieser Tag ist einfach ein Geburtstag. Also greifen wir wieder auf die Jugendherberge zurück, das hat ja auch irgendwie was.

Sehen nochmals das Milchgelände, das keins mehr ist. Sehen auch die Ausfahrten und Brücken, die Innenstadt von Stuttgart noch einmal. Diese Dopplungen bedeuten manchmal Verschärfung, manchmal Zerstreuung in der Wahrnehmung. Denke bei einer Brücke beim ersten Reinfahren nach Stuttgart, da sei ein extremer Stau, versuche auch, davon ein Foto zu erwischen. Bei der zweiten Fahrt merke ich dann – die parken da einfach nur.

Wie ein Wort, das man zu oft hintereinander wiederholt, verschiebt sich der Zustand des Ortes ins kulissenhaft Unwirkliche und beginnt gleichzeitig, Gewohnheit zu werden. So schmecken Jugendherbergsbrötchen. Immer.

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Milchhof

Juli 5, 2008

Frankfurt – Stuttgart

km 1032

Auf dem Weg grüßt uns ein Klimaschützer der Woche. Und tatsächlich fließt da auch ein Fluss. Für die Ablichtung braucht man also einfach nur den passenden Winkel.

Es wird romantisch-hügelig auf der Strecke und leuchtend grüne Weinberge zieren die Kurven. Ein Museums-Hotel mit vier Sternen bei Sinsheim und ein Keltenmuseum. Beim Reinfahren nach Stuttgart ein Porsche-Museum. Und beim Manövrieren im Stadtbild dann das Mercedes-Benz-Museum.

Hatten zuvor die Adresse des Joghurtherstellers herausgesucht, betreten das Gelände, industrielle Verladerampe, Außenaufzüge, Ziegelbauten. Die Etagen vereinzelt besetzt von Medienleuten, Foto, Bühne, Film, Foliendruck, Salsa, Disco. Hinterhof typisch in seinem verwahrlosten Zustand, viel ausdrucksstarker Kreativmüll, plus runtergekommene Bauten, plus Blau am Himmel = perfektes Motiv für Hobbyfotografen. Und dann steigt der Suspense-Faktor: wir können hinunter in den Keller vordringen, Wasserlachen am Betonboden, uralte Rechner, Bühnenteile, schummeriges Neonlicht, mit leisem Rumoren vor uns, einige Ecken und Säulen weiter, auch was für Hobby-007er. Aber irgendwie alles letztlich doch zu klein für das ehemals führende Milchunternehmen des Südens. Fragen ein bisschen rum, und es findet sich ein alteingesessener Stuttgarter, beim Kreativmüll-Rausräumen, der uns den Weg zum eigentlichen Milchgelände – an den Dinos des Museums am Löwentor vorbei – höchstplastisch mit seinen Händen vorfährt.

Unsere Endstation lässt sich gut greifen, weil wir auf ein altes Firmenschild stoßen. Die Location entpuppt sich als weit weniger verwunschen, da größtenteils bereits mit Neubauten überzogen: Arbeitsamt, obligatorische Büroräume, Ufa-Palast, und die Nachmittagsvorstellung entlässt gerade ein paar Väter und mit wilden Kung-Fu-Bewegungen gestikulierende Kinder in die Sonne.

Immerhin, die Verhältnisse sind geklärt. Und die anliegende U-Bahn-Haltestelle trägt den anachronistischen Namen Milchhof. Die Joghurtkulturenstrecke liegt damit endgültig hinter uns.

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Monkey’s Wedding

Juli 4, 2008

Braunschweig – Frankfurt

km 794

Leute gehen um 8:30 h im Supermarkt einkaufen. Das stellen wir aus unserem 1,5x3m-Fenster im sechsten Stock eines Hochhauses direkt am Braunschweiger Haupfbahnhof fest. Die Stadt liegt industriell-diesig vor uns. Nur ein Zwischenstopp, denke ich.

Am Nachmittag brechen wir auf und müssen nach 15 km wieder umkehren: der Computer liegt noch in Braunschweig. Die Stadt räuspert sich und verlangt uns ein Quäntchen mehr Aufmerksamkeit ab. Die gleichen Abfahrten, der gleiche Parkplatz und wieder in richtiger Reihenfolge, damit es sitzt.

Auf der Autobahn dann „blinder Regen“, Regen und Sonne teilen sich die Windschutzscheibe, in Südafrika sagt man „a monkey’s wedding„.

Blicke auf und sehe gerade noch das braune Hinweisschild für die Northeimer Seenplatte, darauf eine idyllische Seenlandschaft und ein Mädchenrücken, im Badeanzug, mit Strohhut – und ich frage mich, wer diese Schilder gestalten darf. Sie halten auf zurückgenommene Weise – ihre Farben, Braun und Beige, sind sicherlich ein Ergebnis vieler Sitzungen von Landschaftsplanern – die Balance zwischen Edutainment und einem zarten Werben, einem Sehnen der Landschaft hinter der Landschaft nach mehr Beachtung.

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Frankfurt

Der Tag ist über ein, zwei Stunden gestolpert, wir machen für die Nacht also einen ungeplanten Halt in Frankfurt. In Dänemark scheinen die Ferien begonnen zu haben, auf der Autobahn viele Familien mit Kindern.

Durch die Verzögerung bekommt die Reise immer mehr den Charakter von Schluckauf, zwischendurch auch Atemlosigkeit. Bei jedem Gespräch, Aufenthalt, schwingt mit, dass wir zu spät sind. Dagegen sind die Zahlen gleichgültig, wie die Autobahn.

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Nordnordwest

Juli 3, 2008

Niebüll – Hamburg

km 154

Niebüll hat Klein Erna hervorgebracht.

Niebüll hat ein Nolde-Museum und ein Richard-Hainzmann-Museum, ein Friesisches Museum und ein Naturkunde-Museum. Keine Zeit.

Niebüll hat keine 10.000 Einwohner. Auf der Strecke nach Norden, kurz bevor wir nach Westen abbiegen, lesen wir gestern: 8 km bis zur Bundesgrenze. Dänemark ist einen Katzensprung entfernt, der Scandinavian Park hat aber auch einen Burger King.

Niebüll hat den heimeligen Charme eines nordfriesischen Dorfes. Die Infrastruktur sichern auf einem Quadratkilometer Penny, Sky, kik, Aldi Nord, Lidl und die Niebüller Backstube.

Noch bevor wir zum Herstellungsort der Joghurtkulturen aufbrechen, wollen wir dem einen Reiz folgen, an dem nichts vorbeiführt: das Meer sehen. Ich gehe also nicht den Deich hinauf, lieber zum Auto und wir fahren ein paar Kilometer raus.

Die Nordsee bedeutet eine Herausforderung für die Ostsee-Seele, eine Frage der Religionszugehörigkeit. Das Versprechen des Meeres – das Versprechen der Nordseekrabben – und dann, kurz hinter dem Deich: Grasbüschel, Schafsherden und Möwen im Watt, das Wasser bleibt eine Annahme, ein paar Kilometer in der Luftperspektive verborgen. Wattwurm-Becher formerly known as Spaghettieis.

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Hamburg – Braunschweig

km 398

Auf dem Nord-Ostsee-Kanal kein Schiff. Aber unterwegs in den Süden müssen wir das Deutsche Panzermuseum und das Deutsche Erdölmuseum unbesucht lassen.

Am Hamburger Ziegelteich machen wir eine Pause und treffen Freunde, bekommen zum Picknick Eisquatsch mit Soße und Bio-Äpfel mitgebracht. Und einen selbstgedrehten Film, in dem ein Charakter den Namen Kai Heide Husum-Niebüll trägt.

Der letzte Streckenabschnitt im Gewitter und durch Wände von Wasser. Bei einem späten Halt schlägt der Blitz in wenigen Metern von uns in die Erde ein.

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Aufbruch

Juli 2, 2008

Berlin – Niebüll

km 0

Ein bisschen überholt von der Zeit und den Ereignissen brechen wir also auf zu unserer Rundfahrt „Erdbeerjoghurt 150g“ quer durch Deutschland. Wahrscheinlich ist unsere gefühlte Verspätung und mangelnde Übersicht über Proviant oder Verkehrslage genauso typisch für den Beginn einer Reise wie die penetrant scheinende Sonne, das Road-Movie-Gefühl bei der nächstbesten Musik+Autobahn-Erfahrung, der Blick wandert auf die fernen Ziele der Anzeigetafeln an der Stadtautobahn.

Streng genommen beginnt unsere Rundreise erst morgen, am Donnerstag, dem 03. Juli 2008, wenn wir uns in Startposition gebracht haben und in den nächsten neun Tagen folgende Strecken hinter uns bringen:

Joghurtkulturen-Strecke: Niebüll -> Stuttgart [ca. 903 km]

Milch-Strecke: Stuttgart -> Umland -> Stuttgart [ca. 72 km]

Zuckerrüben-Strecke: Stuttgart -> Offenau -> Umland -> Stuttgart [ca. 214 km]

Erdbeer-Strecke: Polen -> Aachen -> Stuttgart [ca. 1186 km]

Am letzten Tag dann der Ausklang Stuttgart-Berlin mit 638 km.

Dieser erste Tag ist also in jeder Hinsicht ein Gewöhnen. An erste Kilometer, Einkäufe von Zuckervorräten, erste Sätze. Unsere Pause in Drahtmühlen findet als Picknick im Feld statt. Ich sehe einen Graureiher am anderen Ende des Feldes aufsteigen, langsam fliegt er auf mich zu und über mich hinweg, wie für einen Film dressiert. Ich stelle mir vor, dort, wo er aufstieg, sei ein Bach oder sogar ein kleiner See. Sofort verformt sich die Landschaft zu einem Feld vor dem See, die Bäume säumen ein kühles Ufer, moderiger Duft mischt sich oasenhaft in die knallende Mittagshitze. Auf der Autobahn zeigt das Thermometer 32,5° Außentemperatur an.

Das Navi definiert das umliegende Terrain ebenso schemenhaft und fordert zum Vertrauen. Grün bedeutet Landschaft, genauere Definition liefert das Fenster, hinter der Landschaft muss wohl auch Landschaft sein.

Am Abend in Niebüll dann ein ähnliches Phänomen. Direkt hinter den platten Ziegelbauten unserer Jugendherberge kreuzt ein Deich die flache ostfriesische Landschaft. Sofort bedeutet der starke Wind eine Meeresbriese und die Möglichkeit, diese wenigen Schritte emporzulaufen, um das Meer zu sehen. Die Vorstellung reicht aus. Und ein ängstliches Gefühl schleicht sich ein, eine leichte Verschiebung in der Wirklichkeit könnte aus irgendeinem unerfindlichen Grund bewirken, dass sich zufällig doch kein Meer hinter diesem Deich ausbreitet. Ich laufe lieber nicht hinauf, der Aberglaube verbietet jedes Nachforschen.
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